Montag, 01. Juli 2002
Schon um
07:58 Uhr trifft Lagerist Erwin B. in der Kraftfahrzeugzulassungsstelle Stenkelfeld Nord ein, wo der Schalterbetrieb um 09:00 Uhr beginnt. Seine
Pünktlichkeit wird nicht belohnt. 262 Mitbürger waren schneller.
09:06 Uhr
Durch das Spalier der schwitzenden Warteschlange - Sitzplätze gibt es nur 16 -
bahnt sich Amtsinspektor Alfred Köppel mit eisiger Mine seinen Weg zur Öffnung
der Büroräume. Der seit halb sechs wartenden Nummer 3 der Warteschlange raunt
Köppel, nach einem flüchtigen Blick auf dessen Dokumente, noch ein nachsichtiges
"Nutzfahrzeuge Nachmittags" zu und verschwindet in seinem Büro.
09:28 Uhr
Aufruf des Antragstellers Nummer eins, der auf dem Gelände übernachtet hatte.
09:29 Uhr
Antragsteller Nummer eins verlässt als gebrochener Mann den Amtsraum. Die
Zündschlüssel für sein Fahrzeug werden später zusammen mit einem Abschiedsbrief
und einer ungültigen ASU-Bescheinigung am Ufer des Stenkelfelder Sees gefunden.
11:38 Uhr
Der maschinelle Stempel auf Erwin B.'s Versicherungsdoppelkarte wird von
Amtsinspektor Köppel als mögliche Fälschung moniert. Beim Versuch,
unanfechtbaren Ersatz zu beschaffen, wird Erwin B. auf dem Weg zur
Versicherungsagentur wegen überhöhter Geschwindigkeit in einem nicht
zugelassenen Fahrzeug vorläufig festgenommen.
Donnerstag, 04. Juli 2002
Nach einer unruhigen Nacht vor dem Hauptportal des Landratsamtes, in der Erwin
B. immerhin auf Platz fünfzehn vorstoßen konnte, sickert durch, dass Donnerstags
neuerdings nur noch Krafträder bis 500 ccm, sowie landwirtschaftliche
Zugmaschinen mit ungeradem Baujahr bearbeitet werden.
Freitag, 05. Juli 2002
Gegen
12:07 Uhr gelingt Erwin B. überraschend der Vorstoß an den Schreibtisch
von Amtsinspektor Köppel. Der vorherige Antragsteller musste das
Zulassungsverfahren für seine fabrikneue Borgward Isabella nach 40 Jahren
vorzeitig abbrechen, weil Neuwagen ohne Katalysator nicht mehr zugelassen
werden. Da die Antragsfrist werktags um 12:00 Uhr endet, kommt es nur noch zu
einer mürrischen Begrüßung zwischen Erwin B. und Köppel und dem Verweis auf die
Bürozeiten in der nächsten Woche. Erwin B. beschließt, diesmal allen anderen
Antragstellern zuvor zu kommen.
Montag, 08. Juli 2002
Nach einem tristen Wochenende im engen Garderobenschrank der Amtsräume hat Erwin
B., an Startnummer eins, kein Glück. Der bestens ausgeruhte Amtsinspektor
erkennt auf einen Blick die nachlässige Entgratung der Bohrlöcher auf den alten
Nummernschildern, sowie das teilweise unleserliche Datum auf der
Abmeldebescheinigung. Zu allem Unglück fällt Köppel eine gravierende
Unregelmäßigkeit in den Antragsdokumenten auf. Erwin B.'s kürzlicher Umzug vom
Önkelstieg 31 nach 31b gehe aus den letzten ASU-Berichten nicht hervor. Aus
einer menschlichen Regung heraus verzichtet Köppel zwar auf Strafverfolgung
dieser Tatbestände, muss den Antrag natürlich dennoch ablehnen.
Dienstag, 09. Juli 2002, 07:17 Uhr
Amtsleiter Köppel lehnt unter Hinweis auf das fehlende polizeiliche
Führungszeugnis des Vorbesitzers, sowie die verjährte
Unbedenklichkeitsbescheinigung für die selbstklebende Parkmünzbox, den gesamten
Zulassungsantrag erneut ab.
07:31 Uhr
Drei entsicherte Eierhandgranaten mit gültiger Nato-Prüfplakette rollen vom
Hauptportal kommend mit hohlem Geräusch durch den sorgsam gebohnerten Flur der
Kraftfahrzeugzulassungsstelle. Vier Sekunden später erschüttert eine gewaltige
Detonation den historischen Marktplatz ...
07:54 Uhr
Das Landratsamt Stenkelfeld steht nicht mehr. Aus rauchenden Trümmern befreien
sich verwirrte Menschen ohne Hoffnung. Menschen und Antragsteller wie Du und ich, die nur mal
ein Kraftfahrzeug anmelden wollten.
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